Demografie-Kongress

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Interessante Vorträge im Demografie-Kongress rütteln noch einmal wach. (Bild: Meike Kluska)

Mehr Inkontinenz- als Babywindeln

Es ist ein staubiges Thema. Dazu unausweichlich und nicht aufzuhalten – beängstigend. Doch in Zeiten des demografischen Wandels schimmert ein Licht am Ende des Tunnels, wenn wir umdenken und zwar jetzt! Ansonsten wird der demografische Wandel auch weiterhin bedrohliche Formen für unser Leben in diesem Land annehmen. Interessante Vorträge, die noch einmal wachrüttelten und gleichzeitig Handlungsmöglichkeiten aufzeigten, standen im Mittelpunkt des Demografie-Kongresses, zu dem der Kreis Steinfurt eingeladen hatte.

Strategien entwickeln

„Die Zukunft ist nicht die Verlängerung der Vergangenheit“ – schon gebetsmühlenartig wiederholte Autor und Journalist Dr. Winfried Kösters diesen Satz. Wir müssen handeln und können uns nicht auf den Lorbeeren ausruhen, geschweige dem aus der Vergangenheit lernen und auf bisherige Erfahrungen zurückgreifen: Dass heute mehr Inkontinenzwindeln als Babywindeln verkauft werden, habe es in der Menschheit noch nicht gegeben – und es liegt nicht an dem Umstand, dass es heute Windeln gibt. Die heutige Gesellschaft kann nicht auf die Erfahrungen anderer Generationen zurückgreifen, muss eigene Strategien entwickeln, um sich dem zu stellen. Es ist nicht neu: Immer weniger Jüngere sind da, die die Belastung der zunehmenden älteren Gesellschaft auffangen können. Die Lebensabschnitte, in denen wir der Arbeitswelt nicht zur Verfügung stehen werden, dank steigender Lebenserwartung – eigentlich eine toller Umstand – immer länger. Hinzu kommen Megatrends wie Individualisierung, Silberne Revolution und Wertewandel, die Referentin Jeanette Huber von der Zukunftsinstituts GmbH in die Waagschale wirft.

Nachgebähren geht nicht

„Wir brauchen jedes Kind“, appelliert Dr. Winfried Kösters und wir können uns nicht mehr erlauben, Potenziale zu verschenken, denn ein Nachgebähren und somit Kitten der Lücke, sei nicht möglich. Mit einer Geburtenrate von 1,39 Kindern pro Frau liegen wir unter dem europäischen Durchschnitt. Warum? Einer der Hauptgründe: Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist hierzulande immer noch sehr holperig. Auch die Rentendiskussion ist laut Dr. Kösters lange überfällig und völlig realitätsfern: Rente mit 67 oder 63 können wir uns schlichtweg nicht mehr erlauben. Und die Älteren von heute sind ja durchaus bereit, länger zu arbeiten – dafür müssen aber die Strukturen angepasst werden. Es sind Gedanken- und auch Rechenbeispiele, die wirklich nicht neu sind, doch wenn Kösters sie in seinen Vortrag packt und genau erklärt, was passiert, wenn wir nicht umdenken, rütteln sie noch einmal so richtig wach. Sein Appell: Wir müssen in Zukunft aus den Zielgruppen Frauen, Ältere, Zuwanderer, Jugendliche ohne Schulabschluss und Menschen mit Behinderungen Fachkräfte rekrutiert, denn wir haben niemand anderen mehr – wie gesagt: Nachgebähren funktioniert ja nicht. Darauf müsse sich die Politik konzentrieren und gleichzeitig die Infrastruktur anpassen.

Pflege auf Augenhöhe

Dass wir Menschen vom Wunsch nach Individualisierung geprägt sind und unsere Lebensstrukturen eben nicht mehr gradlinig verlaufen, wir gleichzeitig älter werden und uns dabei aber nicht zurücklehnen, auch das müsse berücksichtig und gleichzeitig eben auch als Chance genutzt werden. So sehen es beide Referenten. Den gesellschaftlichen Verjüngungsprozess müsse man sich im Debakel des demografischen Wandels zur Nutze machen. Auch in Sachen Pflege müsse ebenso ein Umdenken stattfinden, so Jeanette Huber. Pflege auf Augenhöhe, das sei die Pflege von morgen. Als ein gutes Beispiel zog sie den Film „ Ziemlich beste Freunde“ heran.

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Mit Hilfe von Dorfkonferenzen können dörfliche Strukturen lebendig bleiben. (Bild: Meike Kluska)

Dörfliche Strukturen erhalten

Weniger einschneidend dagegen die Foren. Beteiligt habe ich mich an Forum 3. Diskussionen sollten in ihrem Rahmen geführt werden, jedoch waren sie geprägt von Vorträgen. Für konkrete Fragen und Anregungen aus dem Plenum fehlte die Zeit. In Impulsvorträgen gingen Dorfplanerin Nathalie Franzen und Hinnerk Willenbrink von IGEL Gimbte der Frage nach: „Wie erhalten wir dörfliche Strukturen im Kreis lebendig?“ und zeigten welche Möglichkeiten in Dörfern ausgeschöpft werden können, um dörfliche Strukturen lebens- und liebenswert zu machen. Fazit: In Projekten, nicht in Prozessen denken und arbeiten, das schrecke Ehrenamtliche weniger ab. Kommunikation sei ein wichtiger Bestandteil eines Dorferhaltungsprozesses. Gleichzeitig stecke viel Potenzial in Dörfern, das nur erhalten und gepuscht und Wissen, das gebündelt werden müsse. Und im besten Fall lasse man die Politik außen vor, denn das erschwere die kurzfristige dörfliche Arbeit. Und eine Einstellung, die wohl am aller wichtigsten ist: „Geht nicht, gibt es nicht!“ In so mancher dörflichen Projektarbeit, sollten sich die Organisatoren das auf die Fahnen schreiben. Ein gelungener Nachmittag in der Stadthalle Rheine.

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